Die neue Realität der IT-Bereitschaft
In der IT und insbesondere im DevOps-Umfeld ist On Call längst ein etablierter Begriff. Wer Bereitschaft übernimmt, steht auch außerhalb der regulären Arbeitszeit zur Verfügung, um bei akuten Störungen unmittelbar einzugreifen. Der Druck steigt: Nicht nur große Konzerne setzen auf kontinuierliche Erreichbarkeit; zunehmend erwarten auch Start-ups und Agenturen, dass Services rund um die Uhr zuverlässig funktionieren. Besonders im Bereich digitaler Produkte kann bereits ein kurzer Serverausfall zu erheblichen finanziellen Einbußen führen – ein Szenario, das Verantwortliche verhindern müssen.
Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, wie sich dieses fordernde Arbeitsmodell mit einem erfüllten Privatleben verbinden lässt. Gerade der Wunsch nach klarer Abgrenzung von Arbeits- und Freizeit gewinnt bis 2026 weiter an Gewicht. Fachkräfte achten verstärkt auf ausgewogene Rahmenbedingungen und erwarten entsprechende Angebote von ihren Arbeitgebern. Bleiben Unternehmen untätig, verlieren sie hochqualifizierte Spezialistinnen und Spezialisten.
On Call im Alltag: Herausforderungen und typische Szenarien
Unvermittelt reißt das Handy einen aus dem Wochenende – eine Alarmmeldung verlangt sofortiges Handeln. Für viele DevOps-Engineers ist das mehr Regel als Ausnahme; die Gründe reichen von plötzlichen Traffic-Spitzen über fehlerhafte Updates bis hin zu Hardwaredefekten. Wer On Call eingeteilt ist, muss oft seine gesamte Aufmerksamkeit gebündelt auf das aktuelle Problem richten. In kritischen Infrastrukturen wie Banken oder E-Commerce-Portalen genügt bereits eine kurze Unterbrechung, um spürbare finanzielle und operative Folgen auszulösen. Im Gegensatz dazu gibt es Bereiche, in denen die notwendige Reaktionsgeschwindigkeit weniger hoch ausfällt – etwa bei internen Verwaltungssystemen. Die psychische Belastung bleibt jedoch bestehen: Bereitschaftszeiten gehen häufig mit dem Gefühl permanenter Alarmbereitschaft einher, was auf Dauer ermüdet.
Was Unternehmen tun müssen: Wertschätzung und Ausgleich
Bereitschaftsdienste ohne angemessene Kompensation verlieren zunehmend an Akzeptanz. Unternehmen sind gefordert, transparente Regelungen und angemessene Vergütungsmodelle einzuführen. Diese umfassen feste Pauschalen für die Bereitschaftszeit und zusätzliche Vergütungen pro tatsächlichem Einsatzfall. Beispielsweise kann ein DevOps-Engineer eine Pauschale von 200 Euro pro Woche erhalten sowie 50 Euro je Einsatz. Manche Firmen gehen darüber hinaus und gewähren als Anerkennung Sonderurlaub oder Gutscheine.
Wertschätzung beschränkt sich nicht auf die finanzielle Ebene. Eine gerechte Lastenverteilung innerhalb des Teams bleibt essenziell. Dazu zählt auch, dass Bereitschaftsdienste rotieren und niemand langfristig überproportional belastet wird. Agile Teams setzen oft auf feste Turnusse, beispielsweise eine Woche pro Monat je Person. Aufgaben, Rollen und Eskalationspfade werden klar definiert, um bei Einsätzen Struktur zu schaffen und Hektik zu vermeiden.
Praktische Tipps für DevOps-Profis: Grenzen ziehen und proaktiv gestalten
Eine nachhaltige Gestaltung der On-Call-Bereitschaft verlangt Zusammenarbeit auf beiden Seiten. Klare Absprachen und offene Kommunikation bezüglich persönlicher Verfügbarkeiten helfen, Konflikte zu vermeiden. Bestehen etwa familiäre Verpflichtungen oder steht ein wichtiger privater Termin an, sollte der Dienst rechtzeitig im Team getauscht werden. Gemeinsame Einsatzkalender, die solche Besonderheiten berücksichtigen, tragen erheblich zur Fairness und zum gegenseitigen Verständnis bei.
Wesentlich ist zudem die technische Vorbereitung. So lassen sich unnötige Störungen vermeiden, wenn Zugänge und Tools regelmäßig überprüft werden. Ein Szenario, das viele kennen: Die Bereitschaft läuft, doch der VPN-Zugang funktioniert nicht – vermeidbarer Stressfaktor. Bewährt haben sich Checklisten für den Notfall sowie aktualisierte Kontakt- und Alternativpläne für kritische Komponenten. In manchen Unternehmen unterstützen erfahrene Fachkräfte die Kolleg:innen während sogenannter "Shadow Shifts" beim Einstieg in das Bereitschaftssystem. Dies fördert Wissenstransfer, Sicherheit im Team und stabilisiert die Abläufe.
Wenn die Unternehmenskultur es ermöglicht, empfiehlt sich auch eine deutliche Abgrenzung nach außen. Ein klar formulierter Status wie „Nach Beendigung meines Bereitschaftsdienstes bin ich im Notfall nicht erreichbar“ in Kommunikationskanälen schafft Transparenz und schützt die Erholungszeit. Indem Teams geschlossen diese Grenzen respektieren, bleiben Motivation und Leistungsfähigkeit langfristig erhalten.
Psychische Gesundheit und Erholung: Strategien für nachhaltige Belastbarkeit
On Call betrifft nicht nur organisatorische, sondern auch psychologische Aspekte. Wissenschaftliche Erhebungen belegen, dass ständige Alarmbereitschaft das Stresslevel erhöht und die Erholung erschwert. Jüngere IT-Fachkräfte legen deshalb Wert auf gezielte Auszeiten – und zwar nicht allein als Ausgleichsleistung. Hilfreich sind persönliche Routinen, um nach der Bereitschaftszeit bewusst Abstand zu gewinnen: Manche reservieren sich einen tagfreien Kalenderblock, andere nutzen Bewegung oder Sport zur Entspannung.
Empfehlenswert sind individuelle Erholungsrituale, zum Beispiel ein festes Abschalten von Arbeitskanälen direkt im Anschluss an die On-Call-Woche. Komplett auf IT-Aufgaben zu verzichten, auch wenn die Versuchung groß ist, bleibt ein wirksamer Hebel. Bei psychischer Belastung sollten Betroffene Unterstützung im Kollegenkreis suchen und das Thema offen im Team ansprechen. Viele Unternehmen setzen 2026 auf regelmäßiges Feedback und Retrospektiven nach Bereitschaftsintervallen. In diesen Treffen werden Prozesse reflektiert und gemeinsam Verbesserungen angestoßen – eine Strategie, die sowohl Belastungen frühzeitig identifiziert als auch kontinuierliche Weiterentwicklung fördert.
Technologie und Prozesse: Wie Automatisierung On Call verändert
Wiederkehrende Standardaufgaben sind häufige Auslöser für nächtliche Alarmierungen bei DevOps-Fachkräften. Der konsequente Einsatz von Automatisierung minimiert diese Störungen. Ein Rollback, das bei fehlgeschlagenen Deployments automatisch ausgeführt wird, reduziert die Anzahl der On-Call-Vorfälle merklich. Auch KI-gestützte Monitoring- und Alerting-Systeme, die Fehlalarme herausfiltern und Ereignisse nach Priorität gewichten, tragen maßgeblich zur Entlastung bei. So liegt der Fokus in der Bereitschaft auf Vorfällen, die tatsächlich sofortiges Handeln erfordern.
Allerdings reicht Technologie allein nicht aus. Es gilt, Prozesse regelmäßig zu überprüfen und gezielt weiterzuentwickeln. Praxisorientierte Playbooks, die standardisierte Abläufe für Notfälle bereitstellen, helfen auch weniger erfahrenen On-Call-Mitgliedern, sicher zu agieren. Neue Kolleg:innen sollten schrittweise eingebunden und über Mentoring begleitet werden. Über die Zeit wächst so das gesamte Team in die Verantwortung hinein und kann schneller, strukturierter reagieren.
Zukunftsausblick: On Call als Bestandteil moderner Arbeitskultur
Bereitschaftsdienste bleiben eine zentrale Aufgabe in der IT – ihr Stellenwert verändert sich jedoch mit zunehmender Professionalisierung. Flexiblere Modelle wie „Follow the Sun“-Teams, bei denen die Zuständigkeit über Zeitzonen hinweg wechselt, werden häufiger genutzt. Hinzu kommen differenzierte Ausgleichssysteme und eine konsequente Abgrenzung der arbeitsfreien Zeiten. Viele Berufseinsteiger prüfen mittlerweile gezielt, wie On Call im Unternehmen strukturiert ist, bevor sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden.
Wer langfristig leistungsfähig und motiviert bleiben will, sollte On Call als integrierten Bestandteil einer gesunden Arbeitskultur sehen. Technische Systeme arbeiten kontinuierlich – doch Menschen benötigen regelmäßige Erholungsphasen. Im Wettbewerb um qualifizierte Talente wird ein verantwortungsvoller Umgang mit Bereitschaftsdiensten zum entscheidenden Unterscheidungsmerkmal.
Fazit
On Call gehört zum Arbeitsalltag im DevOps-Bereich, sollte aber nicht zu Lasten von Gesundheit oder Privatleben gehen. Transparente Rahmenbedingungen, faire Ausgleichsmodelle und optimierte Prozesse stellen sicher, dass Belastungen handhabbar bleiben und die Qualität der Bereitschaftsdienste überzeugt. Wer On Call strukturiert organisiert, stärkt sowohl die Betriebssicherheit als auch die Zufriedenheit der Teams.