Die Gehaltsfrage: Mehr als nur eine Zahl
Im Recruitingprozess für IT-Positionen stellt die Gehaltsfrage im Interview viele Bewerber:innen vor eine besondere Herausforderung. Wer seinen Marktwert präzise einschätzen möchte, befasst sich intensiv mit Branchentrends, den Anforderungen der Rolle sowie der eigenen Qualifikation. Die Situation ist oft von einem Zwiespalt geprägt: Einerseits besteht das Ziel, das eigene Potenzial angemessen zu vertreten – andererseits soll eine zu hohe Forderung den Auswahlprozess nicht vorzeitig belasten. Insbesondere in der IT, wo qualifizierte Fachkräfte weiter stark nachgefragt werden, kann die Antwort auf die Gehaltsfrage entscheidende Weichen stellen. Ein fundierter Auftritt verbessert hierbei die Ausgangslage für spätere Vertragsverhandlungen.
Regelmäßig taucht das Thema Gehalt an unterschiedlichen Stellen im Bewerbungsprozess auf – teils überraschend früh, teils erst im letzten Gespräch. Diese Unsicherheit erschwert vielen IT-Profis eine angemessene Reaktion. Dabei kommt der Art und Weise der Kommunikation große Bedeutung zu: Sie spiegelt nicht nur die Gehaltsvorstellung wider, sondern vermittelt auch Verhandlungsgeschick sowie persönliche Souveränität. Die Gehaltsfrage entwickelt sich so zu einem Gradmesser wesentlicher Soft Skills, die im IT-Umfeld zunehmend gefragt sind.
Die Perspektive des Arbeitgebers ist dabei keineswegs zu unterschätzen: Unternehmen achten darauf, neue Mitarbeitende nahtlos in bestehende Gehaltsstrukturen einzubinden und das Projektbudget zu wahren. Daher empfiehlt es sich, neben den eigenen Vorstellungen auch die verbreiteten Vergütungsbänder ähnlicher Positionen zu recherchieren. Gehaltsreports aus Branchenverbänden, Online-Plattformen oder Erfahrungsberichte können hier wertvolle Ansätze liefern. Wer für diesen Gesprächsbestandteil vorbereitet ist, signalisiert Professionalität und Marktkenntnis.
Vorbereitung: Den eigenen Marktwert ermitteln
Eine überzeugende Antwort auf die Gehaltsfrage verlangt eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Kompetenzen und der relevanten Marktlage – idealerweise noch vor dem eigentlichen Interviewtermin. Für IT-Spezialist:innen bedeutet das, verschiedene Informationsquellen zu Branchengehältern zu konsultieren und Parameter wie Region, Firmengröße oder spezifische Technologien zu berücksichtigen. Plattformen wie Stack Overflow, kununu oder Studien renommierter Branchenverbände liefern konkrete Orientierungsgrößen. Zum Beispiel ergibt eine Recherche für eine Cloud-Engineer-Position mit drei Jahren Erfahrung in einer Großstadt im Jahr 2026 eine Gehaltsspanne von rund 58.000 bis 72.000 Euro jährlich. Zusätzliche Kenntnisse, etwa in Kubernetes oder Terraform, können das Gehaltsniveau weiter nach oben verschieben.
Über das Grundgehalt hinaus lohnt sich der frühzeitige Blick auf Zusatzleistungen. Viele IT-Arbeitgeber bieten Remote-Optionen, flexible Arbeitszeiten, Extra-Urlaub oder jährliche Weiterbildungsbudgets. Diese Benefits sollten im Rahmen des Verhandlungsspielraums gemeinsam mit dem Gehalt bewertet werden. Eine vorbereitete Notiz, beispielsweise „Meine Zielspanne liegt zwischen 65.000 und 70.000 Euro brutto, abhängig vom Gesamtpaket und den Entwicklungsmöglichkeiten“, schafft Klarheit – im Gespräch kann so souverän argumentiert werden.
Marktunterschiede sind häufig größer, als auf den ersten Blick ersichtlich: Ein Venture-finanziertes FinTech zahlt meist ein anderes Niveau als ein etabliertes Mittelstandsunternehmen. Hilfreich ist es, ein persönliches Gehaltsband aufzustellen – inklusive Mindestziel, realistischem Ziel und Wunschwert. Diese selbstgewählte Spanne dient als Leitplanke im Gespräch und hilft, auf unerwartete Fragen flexibel zu reagieren. Formulierungen im Konjunktiv – wie „Ich könnte mir vorstellen ...“ – lassen dabei Flexibilität erkennen und halten die Tür für Verhandlungen offen.
Antwortstrategien im Gespräch: Zwischen Offenheit und Taktik
Das Bewerbungsgespräch beginnt häufig mit dem Austausch über Erwartungen an die Position und geht dann zügig über zu den Rahmenbedingungen – inklusive der Frage: „Wie hoch liegt Ihre Gehaltsvorstellung?“ Wer hier vorbereitet auftritt, nutzt die Gelegenheit, Kompetenz und Selbstbewusstsein zu zeigen. Je nach Situation kommen unterschiedliche Strategien infrage.
Eine bewährte Methode ist die Spiegel-Technik: Statt sofort eine Zahl zu nennen, wird die Frage mit einer Gegenfrage beantwortet, zum Beispiel: „Haben Sie für diese Position eine interne Gehaltsspanne definiert?“ Viele Unternehmen arbeiten heute mit transparenten Vergütungsmodellen und geben daraufhin einen Rahmen preis. So bleibt Zeit, eigene Argumente zu formulieren und zu vermeiden, sich am unteren Ende zu positionieren. Sollten keine konkreten Angaben erfolgen oder Nachdruck entstehen, empfiehlt es sich, eine passende Gehaltsspanne anzugeben, die Branche, Standort und persönliche Erfahrungen einbezieht: „Mit meinem Hintergrund aus dem DevOps-Umfeld und der vorgesehenen Verantwortung für diese Funktion sehe ich meinen Gehaltsrahmen im Bereich von 68.000 bis 75.000 Euro brutto jährlich.“
Absolute Forderungen engen hingegen den Verhandlungsspielraum ein. Besser sind Statements wie: „Je nach Gesamtpaket und Weiterentwicklungsmöglichkeiten sehe ich meine Zielvergütung zwischen ... und ... Euro im Jahr.“ Damit bleibt Offenheit gewahrt, während gleichzeitig eine klare Vorstellung kommuniziert wird. Häufig empfiehlt es sich, die Erwartung mit konkreten Beispielen zu unterlegen, etwa durch den Verweis auf relevante Projekterfahrung („Aufgrund meiner Expertise mit TypeScript und nachgewiesener Erfahrung in der Leitung agiler Teams, halte ich den oberen Bereich der üblichen Spanne für angemessen“). So untermauert man den eigenen Wert sachlich.
Internationale Konzerne oder Remote-Jobs bringen weitere Variablen ins Spiel. Standortunabhängigkeit, flexible Arbeitszeitmodelle oder zusätzliche Benefits können den Gesamtwert des Angebots beeinflussen. Hier bietet sich das Vorgehen an, neben dem Gehalt auch diese Aspekte ins Gespräch einzubringen: „Neben dem Gehalt sind für mich die gelebte Arbeitskultur sowie konkrete Lern- und Entwicklungsperspektiven zentral. Für eine finale Einordnung würde ich gerne weitere Details zur Position berücksichtigen.“
Blitzlicht aus der Praxis: Typische Szenarien
Bei einer Bewerbung als Backend-Entwickler bei einem großen deutschen IT-Dienstleister bittet die HR-Managerin im zweiten Gespräch explizit um eine Gehaltsangabe. Eine überzeugende Antwort könnte lauten: „Mit meinen acht Jahren Berufserfahrung sowie Spezialisierung auf Microservices-Architekturen und Cloud-Deployment habe ich den Markt intensiv beobachtet. Für die ausgeschriebene Rolle strebe ich ein Jahresgesamtgehalt zwischen 80.000 und 87.000 Euro an.“ Wenn daraufhin die Rückfrage zum Bonus- oder Beteiligungsmodell folgt, zeigt dies, wie wichtig Flexibilität bezüglich weiterer Vergütungskomponenten ist.
Wird die Gehaltsfrage bereits zu einem frühen Zeitpunkt eingebracht – etwa vor der detaillierten Klärung von Aufgaben und Anforderungen –, lohnt sich eine differenzierte Positionierung: Ein Data Engineer könnte antworten: „Um meine Gehaltsvorstellung fundiert zu formulieren, wäre es hilfreich, zunächst noch Details zum Aufgabenbereich zu erhalten. Gerne bespreche ich die Gehaltsfrage im weiteren Verlauf des Auswahlprozesses.“ Dieser Ansatz signalisiert sowohl Professionalität als auch Sorgfalt in der Bewertung des Angebots.
Nachgehakt: Umgang mit schwierigen Situationen
Die Gehaltsfrage im Interview verläuft selten nach einem festen Muster. Es kann vorkommen, dass Angebote unter den eigenen Erwartungen liegen oder der Eindruck entsteht, das Gegenüber hoffe auf eine niedrige Zahl. In solchen Situationen gilt es, ruhig zu agieren und Gesprächsbereitschaft zu signalisieren. Reagiert man etwa mit: „Das liegt unter meinem aktuellen Niveau. Gibt es hier Flexibilität, sofern die fachliche Passung besteht?“, eröffnet dies einen konstruktiven Dialog und vermeidet vorschnelle Ablehnung. Häufig eröffnen sich dadurch doch noch Spielräume im Verhandlungsprozess.
Wer nach einer Begründung für die eigene Gehaltsvorstellung gefragt wird, profitiert von einer sachlichen, nachvollziehbaren Argumentation. Eine mögliche Antwort: „Ich habe verschiedene Gehaltsstudien analysiert, meinen Werdegang reflektiert und meine jüngsten Zertifizierungen im Cloud- und Cybersecurity-Bereich einbezogen. Aus meiner Sicht bildet die genannte Spanne daher den fachlichen Wert ab, den ich einbringen kann.“ Je strukturierter die Begründung, desto professioneller wirkt der Auftritt.
Kommt es vor, dass Arbeitgeber keine Zahlen nennen möchten, zahlt sich diplomatisches Nachfragen aus. Formulierungen wie „Könnten Sie mir sagen, ob die Vergütung im marktüblichen Rahmen für diese Senior-Position liegt?“ oder „Um meine Erwartungen zu justieren, wäre ein grober Anhaltspunkt hilfreich – bewegt sich das Angebot zum Beispiel im Bereich vergleichbarer Positionen in Hamburg?“ schaffen Transparenz, ohne Druck aufzubauen, und dokumentieren Verhandlungsgeschick.
Nach dem Interview: Nachverhandeln oder anpassen?
Das finale Angebot kann von der ursprünglich formulierten Erwartung abweichen. Ist das Gespräch ansonsten vielversprechend, empfiehlt sich ein weiteres Treffen zur Klärung. Dabei hilft es, auf konkrete Inhalte aus dem Auswahlprozess Bezug zu nehmen: „In den weiteren Gesprächen wurden zusätzliche Verantwortlichkeiten erörtert. Unter diesen Voraussetzungen erscheint mir eine Anhebung in Richtung obere Gehaltsgrenze sinnvoll – ist das grundsätzlich möglich?“ Dieses Vorgehen zeigt Professionalität und schafft eine nachvollziehbare Grundlage für interne Rücksprachen beim Arbeitgeber.
Zudem ist es empfehlenswert, alle getroffenen Absprachen schriftlich festzuhalten. Gerade im dynamischen IT-Umfeld lässt sich dadurch Transparenz im Angebot sichern und Missverständnisse werden vermieden. Ergänzend bietet der Austausch mit Kolleg:innen aus dem eigenen Netzwerk oft noch wertvolle Hinweise, um die eigene Marktposition fundiert einzuordnen und die Entscheidung für oder gegen ein Angebot abzusichern.
Fazit: Mit Vorbereitung und Selbstbewusstsein punkten
Die Gehaltsfrage im Interview ist kein reines Hindernis, sondern eine Gelegenheit, den eigenen Wert realistisch und überzeugend zu vertreten. Fundierte Vorbereitung, authentische Kommunikation und ein sicheres Auftreten helfen, die Besonderheiten im IT-Sektor konstruktiv zu nutzen. Wer realistische Ziele formuliert, Flexibilität aufzeigt und sein Kompetenzprofil klar transportiert, verschafft sich die besten Voraussetzungen für erfolgreiche Verhandlungen und einen optimalen Einstieg im neuen Team.