Interview mit Frontend Lead: Design Systems skalieren 2025/26

Interview mit Frontend Lead: Design Systems skalieren 2025/26

Vom Prototyp zur Plattform: Die Evolution von Design Systems

In den vergangenen Jahren sind Design Systems von einfachen Komponenten-Bibliotheken zu integralen Plattformen für unternehmensweite Konsistenz gereift. Einst lediglich als Mittel zur Effizienzsteigerung eingeführt, bilden sie heute das Rückgrat digitaler Markenführung und Produktentwicklung. Zwischen frühem Prototyping und voll integrierten Plattform-Lösungen stehen zahlreiche Herausforderungen und Weichenstellungen. Die zentrale Frage: Wie gelingt es Unternehmen, Design Systems effizient zu verwalten und gezielt für Wachstum und Komplexität bis 2025/26 auszurichten?

Diesen Weg hat Anna Fischer begleitet, Frontend Lead eines internationalen eCommerce-Konzerns mit dezentralen Entwicklerteams. Sie blickt zurück auf sieben Jahre Design-System-Entwicklung – von den ersten Tests bis zur aktuellen organisationsweiten Plattformstrategie. Im Gespräch teilt Anna ihre Einsichten und skizziert, wie strukturierte Design-System-Arbeit am Puls der Zeit bleibt und wie sich moderne Unternehmensstrukturen darauf einstellen.

Die nachfolgenden Abschnitte beleuchten Annas praktische Erfahrungen, branchenübliche Herausforderungen und die Methoden, mit denen ihr Team zukunftsfähige, kollaborative Design-System-Strategien etabliert.

Systematisierung als Basis: Warum Komponenten nicht reichen

Anna beschreibt plastisch, weshalb ein Design System weit mehr als eine Ansammlung technischer Bausteine ist: „Unsere erste Version bestand lediglich aus einzelnen Komponenten ohne verbindliche Richtlinien. Bald bemerkten wir, dass Funktionen doppelt gebaut wurden und das visuelle Erscheinungsbild auseinanderdriftete. Ressourcen und Aufwand verpufften zunehmend.“

Eine fundamentale Wende brachte der Aufbau klarer Designprinzipien, ein tokenbasiertes Stylesystem sowie Governance-Tools zur Qualitätskontrolle. Das Team ergänzte die technische Basis bewusst um dokumentierte UX-Guidelines, Versionierung und systematische Tests hinsichtlich Accessibility und Responsiveness. So entstand nach und nach eine zentrale, zuverlässige Anlaufstelle für alle Produktteams, die weit über die reine Komponentenverwaltung hinausgeht.

Organisation wächst: Das Design System skaliert mit

Die Skalierung eines Design Systems bringt neue Facetten mit sich. Mit steigender Teamgröße, vielfältigen Anwendungen und wachsenden Integrationspunkten steigt auch die Komplexität. Anna sieht Kommunikation als Schlüsselaspekt: „Skalierung ist mehr als Technologie. Je besser wir die Bedürfnisse der Produktteams verstehen und adressieren, desto stärker wird unser System angenommen.“

Flexibilität in Schnittstellen und Erweiterungen ist dabei zentral. „Wir entwickeln spezifische Lösungen für mobile-first, progressive Web-Apps und interne Tools, bauen dabei aber stets auf einer gemeinsamen Basisschicht auf.“ Die Kunst besteht darin, die Weiterentwicklung durch gezielte Versionierung und separate Entwicklungszweige auf verschiedene Anforderungen zuzuschneiden, ohne das Gesamtsystem zu fragmentieren.

Toolchains für 2025/26: Der neue Stack für nachhaltige Design Systems

Die Werkzeuge rund um Design Systems entwickeln sich kontinuierlich weiter. Anna und ihr Team setzen aktuell auf Figma als zentrales Designtool, Storybook für lebendige Dokumentation und einen eigens konfigurierten Token-Server, basierend auf Tokens Studio. Im Frontend stützen sie sich auf React und TypeScript, um Wiederverwendbarkeit und Typisierung zu sichern.

Am Beispiel einer React-Komponente zeigt Anna die Integration von Design Tokens:

import tokens from '@company/tokens';

function PrimaryButton({ children }) {
  return (
    
  );
}

Automatisierte Pipelines sorgen dafür, dass Design-Änderungen – etwa in Farbpaletten oder Typografie – zwischen Figma, GitHub und npm durchgängig synchron bleiben. Für die kommenden Jahre erwartet Anna, dass KI-basierte Design-Review-Bots, personalisierte Onboarding-Prozesse und API-first-Architekturen die Systemintegration weiter beschleunigen und die Entwicklung diverser Produktlinien vereinfachen.

Fokus auf Usability und Barrierefreiheit

Ein Schwerpunkt liegt für Anna und ihr Team auf der konsequenten Einbindung von Accessibility-Standards und Nutzerfeedback. Automatisierte Überprüfungen – etwa mit axe-core – ergänzen manuelle Tests mit Screenreadern und Kontrastwerkzeugen direkt in Storybook. „Vergangene Defizite in einzelnen Komponenten haben den Blick dafür geschärft, wie wichtig es ist, Barrierefreiheit priorisiert und kontinuierlich zu verbessern.“

Eine Best Practice: Accessibility wird als verpflichtendes Release-Kriterium etabliert und damit in den CI/CD-Prozess integriert. Darüber hinaus holt das Team regelmäßig Rückmeldungen aus unterschiedlichen Nutzergruppen ein, um die tatsächliche Gebrauchstauglichkeit weiter zu steigern.

Kollaboration: Das Team-Modell für skalierte Design Systems

Mit zunehmender Verbreitung wächst auch die Zahl der Stakeholder im Design System. Anna beschreibt hierfür ein Hybridmodell: Eine zentrale Gruppe steuert Architektur und Governance, während so genannte Product Champions in jedem Feature-Team als Multiplikatoren agieren. Diese Struktur fördert die dezentrale Weiterentwicklung und macht neue Impulse leichter zugänglich.

Offene Pull-Request-Runden, regelmäßige RFCs und Q&A-Sessions tragen zu einer lebendigen Community bei. Entscheidend ist, dass Verantwortung und Know-how in den Teams bleiben. Innovationsimpulse und Qualitätsmanagement entwickeln sich so kontinuierlich und bleiben nicht auf eine zentrale Instanz beschränkt.

Herausforderungen und Stolperfallen auf dem Weg zum skalierbaren System

Interdisziplinäre Zusammenarbeit bringt typische Hürden mit sich. Anna nennt Beispiele wie Abgrenzungen zwischen Design und Entwicklung, divergierende Interessen sowie das bekannte „Not-invented-here“-Syndrom. „Fehlt es an klaren Rollen und Abläufen, geraten Review-Prozesse ins Stocken und Entscheidungen verzögern sich.“

Lösungsansätze sieht sie in partizipativer Weiterentwicklung: Beitragsleistungen werden anerkannt, etwa durch interne Badges oder gezielte Auszeichnungen. So bleibt die Motivation hoch. Darüber hinaus ist es hilfreich, KPIs wie die Adoptionsrate, Reduktion individueller Komponenten und die Geschwindigkeit von Releases transparent zu erheben und regelmäßig zu kommunizieren.

Trends und Prognosen: Was bringen die nächsten Jahre?

Für die Zeit bis 2025/26 kündigen sich zahlreiche Weiterentwicklungen an. Anna erwartet eine stärkere Verschmelzung von Design und Code, ermöglicht durch neue Schnittstellen und KI-gestützte Generatoren. „Prototypen lassen sich künftig mit wenigen Schritten in die Entwicklungsumgebung übernehmen. Statische Styleguides weichen zunehmend API-gesteuerten Plattformen mit Live-Preview und Echtzeitdokumentation.“

Auch Nachhaltigkeitsaspekte gewinnen Einfluss auf Architekturentscheidungen: Minimierung von Code, Performance-Steigerung und Unterstützung unterschiedlicher Darstellungsmodi wie Dark Mode werden zu zentralen Anforderungen. Anna empfiehlt, sogenannte Tech-Debt-Refactorings frühzeitig in die Roadmap einzuplanen und den Austausch zwischen Nutzercommunity und Entwickler:innen institutionalisiert fortzusetzen.

Fazit & Ausblick

Design Systems entwickeln sich zu strategischen Plattformen, die Unternehmen zunehmend holistisch betrachten. Wer schon heute Wert auf kollaborative Prozesse, konsequente Accessibility und eine enge Verzahnung von Design, Entwicklung und Produktmanagement legt, schafft eine stabile Basis für künftigen Erfolg. Die Erfahrungen von Anna Fischer und ihrem Team verdeutlichen: Skalierung ist eine kontinuierliche Aufgabe, die Flexibilität und einen offenen Dialog erfordert. In den kommenden Jahren werden Design-Systems-Landschaften agiler, vernetzter und bieten vielfältige Chancen für eine verbesserte Softwarequalität sowie effizientere Abläufe innerhalb großer Organisationen.